Radelnd und mit Leidenschaft über den Rennsteig

Es ist so ein schöner Donnerstag Früh im Juli. Die Amseln zwitschern von den Dächern der Erfurter Altstadt und so langsam bewegt sich die Arbeiterkarawane in die Büros und Werkstätten der Landeshauptstadt. Als die Sonne über dem Erfurter Ringelberg aufgeht, sitzen zwei Lehmänner schon wieder im Sattel gen Süden. Die Armlinge und Weste über den Körper gestreift, geht es mit dem Rennrad an der wilden Gera entlang in Richtung Rennsteig. Der Thüringer Wald schläft an diesem Morgen besonders lang. Außer am Bahnhof Schmiedefeld sehen wir keine Menschenseele – keine Rennsteigwanderer, keine Radler. Nur als uns kurz nach der Schmücke ein Rollstuhlfahrer mit seinem E-Gefährt entgegenkommt, müssen wir uns kurz die Augen reiben. Schmücke, Frauenwald, Coburg, Bamberg sind die nächsten Zwischenziele auf dem Weg nach Memmelsdorf. Memmelsdorf? Der aufmerksame Laufladenbesucher kennt diesen Ort inzwischen recht gut. Die Wiege des Läuferbieres HELGA befindet sich knapp 170km südlich des Laufladen Erfurt oder umgerechnet sechs bis acht Stunden Fahrt auf schmalen Reifen. Da das Sommer Läuferbier 2019 schon wieder ausverkauft ist, müssen wir nachbrauen. Der Rest der Brauerläufer kommt später mit dem Leergut und dem Auto nach. An diesem Morgen geht es aber erst einmal über die inzwischen gut ausgebauten Radwege von Erfurt, Bischleben, Arnstadt, Plaue, Gehlberg hinauf auf den Rennsteig. Nach einem Stopp in Frauenwald führt die Strecke weiter, vorbei an romantischen Wiesen, an denen sich Hase und Igel sprichwörtlich „Gute Nacht“ sagen könnten. Von der alten innerdeutschen Grenze ist Gott sei Dank nur noch ein Streifen Pflastersteine übrig und schon sind wir in Franken. Coburg, Breitengüßbach und noch ein kurzer Halt beim Metzgerbräu lassen den Kampf gegen die Dehydrierung leicht werden. Natürlich wäre es leicht, mit dem Auto oder dem ICE in die Brauerei zu fahren. Wir denken aber, dass Helga gewollt hätte, dass man für ein richtiges Läuferbier auch ein wenig Sport macht. Am Ende des Tages stehen dann auch wieder 168km und fast 1.400 Höhenmeter auf dem Tacho. Was macht man nicht alles für eine Helga?

Metzgerbräu, Novizen & Schroten

Ein Metzger, der Bier braut und auch gleich noch einen Tante Emma Laden besitzt – das ist Metzgerbräu. Hin und wieder schadet es ja bekanntlich nicht, auch einmal über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen. Gesagt, getan – treffen wir uns genau dort mit den anderen Läuferbierbrauern: Batzi, Sascha, Marco, Frank, Boris und als Novizen diesmal dabei sind Achim und Berthold. Nach dem Hopfensmoothie geht es direkt an die Arbeit. Unsere Braumeisterin Isabella erwartet uns immerhin schon mit knapp 200kg Malz aus Bamberg. Das Schroten ist angesagt. Dieser erste Schritt leitet quasi das Brauen erst ein. Dicke Säcke gehen Korn für Korn durch die Schrotmühle und werden unten als Mehl wieder abgefüllt. Der ein oder andere Novize trägt da schon einmal den einen oder anderen weißen Abdruck an der Hose davon…

Läuferbierphilosophie

Wir wären ja keine Läufer, wenn wir nicht auch das zwischenmenschliche Miteinander pflegen würden. Bei feiner fränkischer Küche im Gasthof Drei Kronen wird wieder über Läufe, das Leben und die Liebe philosophiert. Was macht ein gutes Läuferbier aus? Welche Läufe sollte man als Thüringer einmal mitgemacht haben? Warum gibt es so viele Volksläufe ohne Alleinstellungsmerkmal? Warum zieht es immer mehr Läufer zu Extremen wie Super- & Ultramarathon oder Hindernisläufe? Die Antworten sind vielfältig einerseits und doch so klar andererseits. Wir haben alle übereinstimmend das Gefühl an diesem Abend, dass die Menschen auf der Suche nach Erfüllung und Ankommen sind ohne wirklich bewusst zu gehen, zu laufen, zu leben. Stattdessen laufen viele auf einer vermeintlichen Reise von A nach B ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Medaillen haschen hier. Supermarathon abhaken auf der To-Do-Liste des Lebens dort. Sich bewusst bewegen (unabhängig vom Tempo) und das möglichst lange machen die wenigsten. Dabei wäre es so wichtig, mit Achtsamkeit im Hier und Jetzt zu agieren. Zu später Stunde wird es dann immer philosophischer. Es ist erstaunlich, auf welche Gedanken man abseits von mobilen Telefonendgeräten kommen kann.

Tag 2 – Läufer trinken Läuferbier und laufen vorher

Zweiter Tag. Der Wecker klingelt früh. Die Meisterin will um 6.00 Uhr loslegen also stehen wir parat. Unsere Neulinge haben die große Ehre, die ersten Säcke geschrotetes Malz langsam und behutsam in den Kessel rieseln zu lassen. Danach geht es flott in die Laufschuhe. Eine Bedingung, um das Läuferbier brauen zu dürfen ist, dass man zum Brauen auch Laufen geht. Sascha und ich übernehmen diesmal den Teil und wollen eigentlich nur eine kleine Runde drehen. Treffpunkt ist die Brauerei Wagner in Merkendorf, denn dort soll ja wieder die Hefebirne geholt werden. Während die anderen entspannt frühstücken, testen wir Läufer die neuen Laufschuhe aus. Irgendwann geht es links ab in den Wald. Als plötzlich der Weg endet, kämpfen wir uns durch das Unterholz. Hauptsache ist doch, dass uns jemand am Abend auf die gemeinen fränkischen Zecken untersucht… Wir wollen die Abkürzung durch das Feld nehmen und stellen nach 400m fest, dass aus dem lockeren Läufchen inzwischen eine anspruchsvolle Kraftausdauereinheit geworden ist. Der Bundestrainer hat das früher Zugwiderstandsläufe genannt. Als wir dann doch wieder auf einen Kolonnenweg kommen, fühlt es sich fast an wie auf der Rolltreppe. Zwischendurch zeigt die Garmin Fenix 5 am Handgelenk an, dass der Rest schon ein Gerstengetränk bestellt hat. Jetzt heißt es also, sputen!

Vom Zwickeln und „drinkability“

Die Hefebirne ist im Sommer wesentlich pflegeleichter und schafft es ohne Explosion zurück in die Brauerei. Die Hopfengaben stehen an. Der Jodtest gibt Auskunft über den Stärkeabbau und duften tut es inzwischen auch schon mächtig nach leckerem Malztrunk. Während die älteren Läufer unter uns gespannt mit der Meisterin zwickeln, müssen die jungen Hüpfer ans Putzen. Kühlschiff schrubben, Treber transportieren, Würzepfanne reinigen und und und. Zwischendurch wird wieder die Stammwürze gemessen. Per Spindel wird noch ganz altmodisch gemessen. Es scheint wieder, eine leichte Sommer-HELGA zu werden. Der Halo sagt ja immer: „So ein Bier muss eine hohe „drinkability“ haben!“ Und genau das soll ja auch wieder die HELGA sein – ein Läuferbier, was Lust auf mehr macht. Zwischendurch wird wieder gezwickelt, also am Lagertank fachmännisch geprüft, ob das Bier auch wirklich gut gelagert ist. Offensichtlich macht sich inzwischen das fehlende Frühstück bemerkbar. Nach dem zweiten Zwickel philosophieren wir schon wieder über die nächsten Vorhaben. Man könnte ja eigentlich mal ein Vollmondbier machen oder gar einen Nacktsud, wie das wohl gerade in Vietnam groß im Trend ist. Wir wissen nicht mehr genau, vom wem der Begriff Lümmelpils kam. Vielleicht können wir ihn ja bei der EU als geschützte geographische Marke schützen lassen. Aus Sicht des Marketings ist alleine die Bezeichnung geschützte Marke „Lümmelpils“ in doppelter Hinsicht ein Aufhänger. Vielleicht reden wir mal mit unserem Braumeister Jan im Erfurter Heimathafen, denn das Winter Läuferbier soll heuer ja zum Vollmond gebraut werden…

Divenhafte Hefen und zarte Männer

Die Ventile zum geputzten Kühlschiff sind offen. Heraus kommt die heiße Helga. Der Raum ist voller Wasserdampf und hüllt alles in ein romantisches Sommerabendlicht. Danach kommt noch das Abpumpen in den Gärtank und die vorerst letzte Hopfengabe. Das zarte Hinzufügen der Hefe überlassen wir wieder Batzi und Berthold, denn die beiden können am besten mit der divenhaften Gattung umgehen. Jetzt heißt es wieder warten und geduldig sein. Die neue Helga wird vermutlich Mitte August abgefüllt und dann noch per Hand im Laufladen Erfurt etikettiert – jede der 2.000 Flaschen einzeln per Hand. Pünktlich zum Spätsommer gibt es dann auch wieder das Sommer-Läuferbier HELGA. Danach ist dann auch wieder Schluss denn unsere Lokomotive steht schon in den Startlöchern. Wer dabei sein möchte, dem empfehlen wir unsere Tour de Malz am 31.August. Denn dort holen wir schon einmal das Malz bei der Angi in Mellrichstadt…

Läuferbier HELGA
  • Läuferbier Liebhaber

    1. Laufladen Erfurt, Lachsgasse 3, 99084 Erfurt (Flaschenbier, 30-L-Fässer Bierdeckel, Gläser)

    2. Bierwelt Erfurt, Futterstraße 20, 99084 Erfurt (Flaschenbier, Bierdeckel, Gläser)

    3. Mühlencafe 99869 Ballstädt, Sa + So von 13:00 – 19:00 Uhr geöffnet (Flaschenbier)

    4. Henner Sandwiches Weitergasse 8, 99084 Erfurt (Flaschenbier, Bierdeckel, Gläser)

    5. Die Korkenzieherin Lange Brücke 12, 99084 Erfurt (Flaschenbier)

    6. Grundmühle im Weißbachtal, Orphaler Weg, 99100 Erfurt (Flaschenbier)

    und vielleicht noch in Ihrem Lieblings-Läuferbier-Lokal? Denn seit 5.Juli 2019 wird wieder Läuferbier gebraut.