ISPO – Runner´s World Laufschuhsymposium 2017

Winterzeit ist immer die Zeit der ISPO. Am Rande Münchens trifft sich alljährlich die große Sportgemeinde um in vier Tagen die ganze Bandbreite der kommenden Saison vorzustellen. Vom Ski aus deutscher Produktion bis zur Sporternährung aus Fernost gibt es nichts, was es nicht zu finden gibt. Seit einigen  Jahren wächst auch die Bedeutung des Bereichs Laufsport innerhalb der ISPO. So verwundert es nicht, dass heuer bereits zum vierten Mal die größte Fachzeitschrift, die Runner´s World, zum Treffen der Laufbranche eingeladen hat. Die Rede ist vom Laufschuhsymposium 2017 und der Laufladen Erfurt war auch heuer wieder dabei.

Laufen und Liken – Neue Impulse im Läufermarkt

Zunächst referiert Urs Weber von der Runner´s World zu den neuesten Erkenntnissen der großen Läuferbefragung aus 2016. Beeindruckend ist zunächst die große Teilnehmerzahl von knapp 10.000 Befragten. Somit dürfen die Werte, zugegeben mit etwas Vorsicht, dennoch als eine der größten Umfragen im Markt Laufsport betrachtet werden. Wie in den Vorjahren geht es erst einmal um nackte Zahlen. Der Anteil der Frauen ist mit 41% zu 59% laufenden Männern zwar immer noch geringer – aber auf einem wachsenden Niveau. Der Durchschnittsläufer ist laut Urs Weber 42 Jahre alt und nur 4 Jahre älter als die rennenden Damen. Bemerkenswert ist, dass die wöchentliche Laufleistung weiter rückläufig ist. Es scheint so, dass Laufen nur noch als Teil eines von Bewegung im allgemeinen getriebenen Lebensgefühl ist. Das gesundheitsorientierte Laufen spiegelt sich bei einer wöchentlichen Laufleistung von 20 bis 30 KM wieder. Ein Drittel der unter 30-Jährigen läuft sogar weniger als 20 KM pro Woche. Zwei Drittel aller Befragten bevorzugen es wiederum, lieber allein durch Wald und Parks zu rennen. Dem Gegenüber trifft sich ein Drittel wiederum gern im Lauftreff wie bei unserer Buffbohnenbewegung am Laufladen.

Wettkampf muss nicht gleich Marathon sein

Der Großteil aller Läufer nimmt an Wettkämpfen teil. Interessant ist jedoch die Tatsache, dass das Thema Marathon nur für 38% der Läufer von Interesse ist. Viel spannender scheinen die Läufe über 10 KM (64%) oder die Halbmarathon Distanz (65%) zu sein. Auch wirft die Tatsache, dass jeder zweite Mann aber nur jede vierte Frau die 42,195 KM Strecke im Plan hat, die Frage nach den Beweggründen auf.

Thüringen scheint allerdings gegen den Strom zu schwimmen. Während wir mit dem Getting Tough in Rudolstadt das beste Hindernisrennen Deutschlands haben und der King of Cross auch direkt vor der Erfurter Tür liegt – interessieren sich laut Urs Weber nur 10% der Befragten für das Thema Hindernislauf. Die Themen Traillauf (28%) und Straßenlauf (82%) sind hierbei deutlich mehr in Erscheinung. Von großer Aufmerksamkeit sollte verfolgt werden, dass jeder vierte Läufer das Thema Firmenlauf als entscheidenden Wettkampf sieht. So verwundert es auch nicht, dass nicht Wettkämpfe die Hauptmotivation für das Laufen sind. Alle sieben Plätze zur Motivation davor sind mit weichen Faktoren belegt. Dazu zählen u.a. allgemeine Fitness, Spaß in der Gruppe, Stressabbau, Ausdauer und Kondition verbessern oder schlicht Gesund bleiben.

Fast 6 Paar Laufschuhe im Schrank

Faszinierend waren auch die empirischen Erkenntnisse zum Thema Laufausrüstung und hier vor allem der Laufschuhe. Während wir im Laufladen stets versuchen, auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen, orientiert sich die Industrie noch härter als früher an den großen Marktumfragen. Im Schnitt geben Läufer 294€ pro Jahr für Laufschuhe aus. Der Preis des meist genutzten Schuhs liegt weiter sehr hoch bei im Schnitt 126€. Scheinbar sind dem Läufer von heute Funktionalität, Passform und ein gutes Gefühl wichtiger als der Preis. Das die Bezugsquelle Nummer 1 mit über 89% weiter das Laufschuhgeschäft seines Vertrauens ist, hat uns umso mehr gefreut.

Die erschreckendste Zahl lieferte die Runner´s World aber ganz am Ende. Knapp 48% der deutschen Bevölkerung treiben überhaupt keinen Sport.

Läufer der Gegenwart und was sie in der Zukunft wollen

Kennt man die Branche seit inzwischen 20 Jahren erwartet man von Asics eine ganze Menge. Aus dem Bekanntenkreis kennt man ja die einen oder anderen Influencer und Asics typischen Frontrunner oder Trainings Squad Mitglieder. Allein am Sprachgebrauch merkt man, dass sich Asics die letzten Monate modern zeigen wollte. Daher waren die Erwartungen an Gerald Klein in Funktion des „Asics Global Footwear Product & Merchandising Divison Senior General Manager“ schon groß. Ich darf vorweg nehmen, dass sie nicht erfüllt wurden.

Natürlich versucht sich Asics langfristig als Partner u.a. des internationalen Leichtathletikverbandes IAAF für die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo zu positionieren. Die Gemeinschaft der Läufer dann aber schlicht in Gruppen und Trends einzuteilen, habe ich vor über 10 Jahren auch schon bei Nike in Frankfurt gehört. Daher ist es nur logisch, die Trends kurz ohne tiefgründige Erläuterung zu erwähnen. Die Trends lauten:

  1. Wellness, Gesundheit, Fitness – Gutes Aussehen, Ernährung und eine gesunde Lebensweise sind kennzeichnend.
  2. Social Fun Run – Das Event an sich steht im Vordergrund inkl. Vernetzung mit der Gemeinschaft.
  3. Runners on the Move – Es geht nicht um das Erreichen der persönlichen Bestzeit sondern eher um Fitness, Spaß haben, sich gut fühlen.
  4. Quantified Self – Läufer wollen sich messen und ihre Leistungswerte kenne u.a. mit Hilfe von Apps etc.
  5. Express Yourself – Laufen an sich aber erst nach dem perfekten Selfie für Snapchat, Instagram etc.

Running Sensei, Run Lover und Fast & Fourius

Warum Asics nun zum wiederholten Male die Läufer in Segmente einteilt, hat sich mir auch heute nicht erschlossen. So wird unterschieden in Running Sensei, der im Grunde der Urtyp des professionell agierenden Hobbyläufers ist. Ein Spezialist innerhalb seines Habitus zu Technik, Ernährung und Ausrüstung jedweder Art. Dann gibt es die passionierten Läufer, die eine hohe Markenloyalität zeigen und sich eher wohl fühlen wollen – die Laufliebhaber oder wie Asics sagt: Run Lover. Am Ende kommen dann noch die schnellen Läufer oder jene, die sich schnell fühlen wollen. Ambitioniert, stets auf der Suche nach dem Flow und hauptsächlich mit der leichtesten und dynamischsten Ausrüstung unterwegs.

Für mich die große Überraschung ist die Gruppe der Fitness Entdecker. Ihnen geht es maßgeblich um Aussehen und Stil. Sie wollen Spaß an der Bewegung haben und gleichzeitig Teil der Erfahrung werden. Laufen ist nicht per se die Hauptsache sondern nur ein Teil der sportlichen Lebensweise zwischen Yogastudio, Kraftraum und Tanzstudio. Laut Asics macht diese Gruppe 51% aller Hardcore Läufer aus. Die Durchschnittswerte der 50 Millionen umfassenden und von Asics gekauften Runkeeper App sind eindeutig. 38 Mio. Läufer mit im Durchschnitt 1-2 Läufen pro Woche über durchschnittlich 4,5 KM und einer Geschwindigkeit von 7:17 min/KM. Das klingt alles nicht wirklich schnell und ambitioniert. Und dennoch ist es genau ein Abbild dessen, was wir heute zwischen Luisenpark und Nordbad beobachten können. Es geht nicht immer um die schnellste Einheit oder den längsten Lauf. Es geht um Laufen in der Gruppe, um Spaß und positive Emotionen. Und da ist eine 7:17er Pace einfach deutlich von Vorteil.

Industrie 4.0 in Ansbach und Portland/USA

Für mich der wichtigste Vortrag des diesjährigen Symposiums war sicherlich der Auftritt von Götz Hohaus und Gerd Manz. Letzter sprach als Vizepräsident für technologische Innovation der fränkischen Marke Adidas. Unter dem Titel „Futurecraft“ ging es maßgeblich um Dinge der digitalen Co-Creation, verkürzter Wertschöpfungsketten und visionären Gedanken der Sportartikelbranche. Wenn man verstehen will, wo auch die gesellschaftliche Reise hingeht, sollte man den beiden aufmerksam zuhören. Ob am Ende der stationäre Einzelhandel überflüssig ist oder jeder Händler einen 3-D-Drucker auf dem Tresen hat bleibt abzuwarten. Meiner Meinung nach führt es sicherlich nicht zu weniger digitalem Stress sondern mehr digitalen Burnouts auf der Suche nach dem besten „custom made product“.

Partnerschaften mit Umweltorganisationen

Das die Sportindustrie nach alternativen Partnern sucht ist seit einiger Zeit bekannt. Das das System Laufen zunehmend komplexer wird auch. So verwundert es nicht, dass das soziale Umfeld Laufen zunehmend aus Training, Auswertung, urbaner Subkultur und auch aus der Musik beeinflusst wird. Dementsprechend sind auch neue Einflüsse zu verzeichnen die sich z.B. in der Kooperation zwischen Adidas und der Umweltorganisation PARLEY widerspiegelt. Nachwachsende Rohstoffe aus Spinnenseide oder recycelte Plastikflaschen aus den Ozeanen dieser Welt sind Inhalt dieser Verbindung. 2016 entschied schließlich Adidas, die Produktion von Asien wieder nach Europa zu holen. Die ersten in Deutschland produzierten Schuhe wurden bereits Ende 2016 in Berlin verkauft.

Strategische Ausrichtung mit Generation Z

Das Innovationsteam bei Adidas umfasst unter dem Begriff Future Team etwa 100 Leuten in Portland/USA, Herzogenaurach/Deutschland und Satelitenbüros in Asien. Es finden sich Ingenieure, Designer, Sportwissenschaftler und QM Experten aus der Wirtschaft. Die strategische Ausrichtung mit Fokus auf den kommenden 3-7 Jahren ist dabei klar formuliert:

  • Open Source – Adidas öffnet sich als Unternehmen für Partner wie BASF und Parley um gemeinsam besser zu werden.
  • City – Große Megatrends werden in den großen Megastädten angestoßen. Derzeit sind es weltweit sechs Städte – u.a. Brooklyn, London, Berlin. Kreative Köpfe kommen in Workshops und Adidas bietet ihnen die Plattform.
  • Speed – Prozesse sollen schneller gestaltet werden. Produktionen verbessert werden. Bestehende Konventionen aufgebrochen werden. Die Produktion soll näher an den Konsumenten  gebracht werden anstatt das Schiff aus Asien schneller zu machen.

Die wichtigste Gruppe hierbei scheint die Generation Z zu sein. Während alle Welt noch über Generation Y der Jahrgänge 1980 – 1996 spricht, liefert die nachfolgende Generation die Entscheidet von übermorgen. Die „digital natives“ und „co-creators“ der Zukunft haben jetzt schon großen Einfluß auf das Portemonnaie ihrer Eltern. 2020 stellen sie bereits 40% der Weltbevölkerung und sind in der digitalen Welt groß geworden. Sie wachsen im stetigen urbanen Wandel gesellschaftlicher Werte und Normen auf. Sie sind ständig aktiv, nehmen Risiken in Kauf und wollen sich ähnlich der Generation Y stets und ständig optimieren. Eine Generation nicht therapierter ADHS Kinder quasi. Sport ist für sie das neue kulturelle Leben. Alles dreht sich um oder wenigstens unter Beziehung zum Sport. Fashion trifft genauso auf Sport wie Musik, Kultur o.ä. Die Generation Z will einbezogen werden, erkennt keine Grenzen an sondern will neue Grenzen verschieben. Sie wollen in Entwicklungen (Creation) direkt involviert werden oder selbst entwickeln.

Erwartungen der Generation Z

80% des Umsatzes erfolgt mit Produkten die jünger als ein Jahr sind. Die Generation Z will stets neue Dinge und die Wirtschaft muss neue Dinge schneller zur Verfügung stellen. Co-Creation und passgenaue Entwicklung gehört daher die Zukunft. „Was bei Brillengläsern bereits die Norm ist muss erst durch die Sportindustrie erfunden werden!“ so Manz.

Auch in Asien steigen die Löhne und Frachtkosten. Handelsbarrieren durch eine auf Export ausgelegte chinesische Wirtschaft erschweren zusätzlich globale Produktionswege. Daher hat sich Adidas entschlossen, die Produktion in Form einer Speedfactory wieder nach Bayern – genauer nach Ansbach zu holen.

Speed factory

Die derzeit bei 3-4 Monaten liegende Spanne für Produkte, die nicht irgendwo auf Lager sind, soll verkürzt werden. 40 Tage von China nach Europa sind offensichtlich zu lang. Ziel ist eine Produktion innerhalb von mehreren Stunden. So hat Adidas die komplette Wertschöpfungskette in eine Halle in Ansbach verlagert. Die meisten Prozesse werden schnittstellenfrei und digital realsisert. Alle Materialien sind verfügbar. Menschliche Fehler werden nahezu ausgeschlossen. Neue Verfahren ermöglichen neue Ästhetik und vor allem custom made Passformen. Experimentiert wird in der Herstellung z.B. mit kompletter Spinnenseide – voll biologisch abbaubar. Außerdem scheint der 3-D-Druck zum Standard zu werden – da er als digitaler Prozess vollkommen ohne Werkzeuge fungiert.

Die Generation Z will Transparenz. Läufer sollen darüber informiert werden, wo und wie ihre Schuhe hergestellt wurden. So beinhalten die neuesten Produkte NFC Chips. Sie sollen zukünftig u.a. ein Video enthalten wie das individuele Produkt entstanden ist. Während der Nutzung kann man das Produkt auch bewerten um so aktiv in den aktuellen Produktionszyklus involviert zu werden. Aus Sicht der Bayreuther Betriebswirtschaft ist das Co-Creation auf höchstem Niveau. Made for Germany / MFG Schuhe sind hierbei der erste Schritt zu 100% Kundenindividualisierung. Mobile sportwissenschaftliche Labore analysieren spezifische Läuferbewegungen vor Ort und alles was zur Produktion eines Schuhes notwendig ist. Die daran schließende Produktion erfolgt dann innerhalb weniger Tage mit maßgeschneidertem Schaft. Derzeit läuft ein Versuch mittels 3-D Scanner in einem Berliner Pilotgeschäft. Vermessung und anschließende Produktion eines individuell gefertigten Laufpullovers aus Merinowolle geschieht innerhalb von 4h im Laden vor Ort. Gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft.

Persönliches Fazit

Jetzt kann man natürlich sagen, dass es für Hipsterstädte wie Berlin, London oder New York die Zukunft schlecht hin ist. Mit ein bisschen Verstand aus Betriebswirtschaft und globalisierten Zusammenhängen innerhalb der Wertschöpfungskette ist das alles sehr visionär und wird auch zum Teil so eintreten. Ich bin persönlich aber davon überzeugt, dass auch Generation Z eher früher als später von der digitalen Abhängigkeit überrollt wird und den Alltag wieder entschleunigen will. Das dabei der erfahrene Läufer im Lauffachhandel oder der Schuhmacher an der Einlage das Maß aller Dinge ist, bleibt für mich unbestritten. Es wäre erfreulich, wenn wir durch eine regionale Produktion weg von langen Produktionswegen und -zeiten kommen. Wir sparen wertvolle Ressourcen und schützen die Umwelt. Ob sich aber jeder Laufanfänger den Luxus eines 200+€ Schuhes aus dem 3-D-Drucker leisten möchte, bleibt zu bezweifeln. Hinzukommt auch die gesellschaftliche Verantwortung der jetzigen auf Textilindustrie ausgelegten Entwicklungsländer. Wenn jede Firma wieder in Deutschland produziert – womit erwirtschaften dann Vietnamesen, Kambodschaner & Co. ihr Bruttoinlandsprodukt? Im Großen und Ganzen macht aber der heutige Ausblick Lust auf die Zukunft und zeigt, dass der Laufladen Erfurt mit Vollmond- und Genussläufen, mit dem Ansatz des gesundheitsorientierten Sports und dem Spaß an der Bewegung offensichtlich auch schon 3-7 Jahre voraus denkt. Wir freuen uns auf die Zukunft.

Euer

Boris Lehmann